| | |
| | | |
| |
| | |
| Stammfunktion (unbestimmtes Integral) |
| | | |
| |
| | |
Wir formulieren zunächst die Idee, den Prozess des Differenzierens "umzukehren". Ist
f eine gegebene reelle Funktion, und ist
F eine Funktion, deren Ableitung
f ist, d.h.
für alle x im Definitionsbereich von f,
so nennen wir F eine Stammfunktion von f.
Beispiel:
F(x) = x3
ist eine Stammfunktion von
f(x) = 3x2, denn
(x3) ' = 3x2.
Beachten Sie: G(x) = x3 + 1
ist ebenfalls eine Stammfunktion von
f(x) = 3x2, denn
(x3 + 1) ' = 3x2.
Wie dieses Beispiel zeigt, ist die Stammfunktion nicht eindeutig - eine Funktion
kann mehrere Stammfunktionen haben. Tatsächlich folgt aus der Existenz einer Stammfunktion,
dass sie mehrere hat, und es gilt:
| | | |

differenzieren
| |
| | |
Ist F
eine Stammfunktion von f,
so ist jede Stammfunktion von f
von der Form
wobei c eine Konstante ist. |
Wir bezeichnen die Stammfunktion als unbestimmtes Integral und verwenden für sie die Schreibweise
(ausgesprochen: "Integral von f(x)"
oder "Integral f(x) dx").
Beispiel:
Der Zusatz " + c" soll anzeigen, dass
die Stammfunktion nur bis auf eine (beliebige) Konstante (die so genannte Integrationskonstante) eindeutig ist.
Er wird manchmal der Einfachheit halber weggelassen (sollte aber dann zumindest dazugedacht werden).
Der Vorgang, eine Stammfunktion zu einer gegebenen Funktion zu finden, heißt integrieren.
(Dieses Wort wird später noch eine zusätzliche Bedeutung erhalten).
Der Ausdruck zwischen dem Integralzeichen ò und dem Symbol dx
(zu deren Bedeutung wir weiter unten noch etwas sagen werden)
heißt Integrand ("zu integrierende Funktion").
Man kann auch sagen, eine Funktion wird nach x
integriert, um die Variable, um die es geht, zu benennen. Bisweilen wird auch die
(in mancher Hinsicht günstigere) Schreibweise
verwendet. Bei ihr kann die Kombination der Symbole ò dx
als Aufforderung verstanden werden, die darauf folgende Funktion
nach x zu integrieren.
| | | |
| |
| | |
Wir werden einige Regeln für das Integrieren weiter unten kennen lernen,
schicken aber hier die wichtigste Methode voraus: Benutzen Sie alles, was Sie über
Ableitungsregeln und über die Ableitungen spezieller Funktionen wissen!
Stammfunktionen können oft erraten werden. Steht Ihnen eine Tabelle von
Ableitungen wie diese
zur Verfügung, so können Sie die einzelnen Zeilen "von rechts nach links" lesen:
Ist f die Ableitung von F,
so ist F eine Stammfunktion von
f.
Beispiel: Um eine Stammfunktion von x + 3 sin x
zu finden, suchen Sie in der Tabelle (oder in Ihrem Gedächtnis) Funktionen, deren Ableitungen mit den einzelnen Summanden
(möglicherweise bis auf Vielfache) übereinstimmen.
So erinnern Sie sich etwa,
- dass die Ableitung von
x2 gleich
2x ist, die Ableitung von
x2/2 daher gleich
x.
-
Weiters ist die Ableitung von cos x gleich
-sin x,
die Ableitung von
-3
cos x
daher gleich
3 sin x.
- Setzen wir diese Erkenntnisse zusammen, so ergibt sich: Die Ableitung von
x2/2 - 3
cos x
ist gleich
x + 3 sin x, d.h.
gleich der gegebenen Funktion.
Die Antwort lautet daher:
| ò |
(x +
3 sin x) dx
= x2/2 -
3 cos x
+ c . |
|
(6) |
Wenn Sie das für ein paar Beispiele dieser Art durchgehen, werden sie selbst Regeln für das Integrieren
(und vielleicht auch einige Schwierigkeiten, die es vom Differenzieren unterscheiden) entdecken.
Stammfunktionen, die oft benötigt werden, sollten Sie sich auswendig merken, insbesondere:
- Potenzen: ò
1 dx = x,
ò x dx = x2/2 und
ò x2 dx = x3/3.
- Winkelfunktionen: ò
sin x dx =
- cos x
und
ò cos x dx =
sin x.
Versuchen Sie als Übungsaufgabe, die allgemeine Potenzfunktion
f(x) = xn
zu integrieren!
|
| | |

Ableitung spezieller Funktionen
| |
| | |
| Flächenberechnung (bestimmtes Integral) |
| | | |
Zum Seitenanfang | |
| | |
Betrachten wir nun
ein (auf den ersten Blick) ganz anderes, das so genannte Flächeninhaltsproblem: Gegeben sei eine reelle Funktion
f, und wir wollen den Inhalt der Fläche unter ihrem Graphen im Intervall
a £ x £ b
bestimmen, wie in der nebenstehenden Skizze dargestellt.
Wir werden weiter unten darüber sprechen, wie ein solcher Flächeninhalt
mathematisch präzise definiert werden kann
und merken lediglich an, dass dieser Idee für sehr viele Funktionen,
darunter für alle stetigen und stückweise stetigen, aber auch
für andere, ein präziser Sinn gegeben werden kann.
Im Fall von Funktionen, deren Graph einen (zumindest stückweise) glatten Verlauf hat,
gibt uns unsere geometrische Anschauung eine intuitive Vorstellung davon, was damit gemeint ist.
Wir führen sogleich eine Rede- und Schreibweise für dieses Konzept ein:
Wir bezeichnen den Inhalt der Fläche unter dem Graphen einer Funktion f
zwischen den Stellen a und b
als bestimmtes Integral und schreiben es in der Form
(ausgesprochen: "Integral f(x) in den Grenzen von a bis
b" oder "Integral f(x) dx
von a bis b", auch
"Integral über f(x) von a bis b").
Wie beim oben besprochenen unbestimmten Integral wird f(x) als
Integrand bezeichnet, a heißt untere
und b heißt obere Integrationsgrenze, und das Intervall
[a, b]
wird Integrationsbereich (auch Integrationsintervall oder Integrationsgebiet) genannt.
Das Symbol für die Integrationsvariable - in (7) wurde x verwendet -
kann dabei beliebig gewählt werden. So steht beispielsweise
| b |
|
|
b |
|
| ò |
f(x) dx |
oder |
ò |
f(x') dx' |
| a |
|
|
a |
|
|
(7' ) |
für dieselbe Zahl wie (7).
Sie werden sich jetzt vielleicht fragen, wieso für Flächeninhalte eine ähnliche Schreibweise
wie für Stammfunktionen verwendet wird. Ihre Frage ist berechtigt und führt auf einen der
faszinierendsten Zusammenhänge der modernen Mathematik:
Der Hauptsatz
Ist f stetig, so ist der Flächeinhalt unter dem Graphen von f
eng mit der Stammfunktion von f
verwandt. Um das einzusehen, definieren wir eine Funktion A, deren Werte
Flächeninhalte sind:
A(x) sei die Fläche
unter dem Graphen von f
zwischen der (festgehaltenen) Untergrenze a
und einer (variablen) Obergrenze x
im Intervall
[a, b],
d.h. das bestimmte Integral über f in den Grenzen von
a bis x.
Wir können A eine
Flächenfunktion nennen. Die Fläche zwischen
a und
b, d.h. das bestimmte
Integral (7), ergibt sich dann
als Funktionswert A(b).
Wir untersuchen nun, wie sich A(x)
unter einer kleinen Änderung von x
verhält:
Ändern wir x auf
x + e,
so ändert sich der Funktionswert von A(x)
auf A(x + e).
Die Differenz
A(x + e) - A(x)
hat eine einfache Bedeutung: Da in ihr die Fläche unter dem Graphen zwischen
a und x
zweimal mit jeweils unterschiedlichem Vorzeichen eingeht und daher wieder herausfällt,
bleibt der Flächeninhalt des Streifens zwischen
x und
x + e
übrig.
Ist e sehr klein, so ist dieser Streifen sehr schmal.
Da f laut Voraussetzung stetig ist, sind alle Funktionswerte innerhalb des
Intervalls [x, x + e]
ungefähr gleich groß (und werden einander immer ähnlicher, je kleiner e ist).
Der Flächeninhalt des Streifens kann daher durch jenen eines Rechtecks mit Seitenlängen
e und f(x)
approximiert werden.
Auf diese Weise gelangen wir zur Abschätzung
| | | |

stetig
*
stückweise stetig
| |
| | |
für kleines e. Je kleiner e ist,
umso genauer gilt diese Näherungsformel. Nun kommt ein kleiner Rechenschritt mit
großen Konsequenzen: Wir dividieren beide Seiten durch e und bilden den Grenzwert für
e ® 0,
| |
|
A(x
+ e) - A(x)
e |
=
f(x) , |
| lim |
| e ® 0 |
|
(9) |
| | | |

Grenzwert einer Funktion
(in Vorbereitung)
| |
| | |
in dem die in (8) für
e ¹ 0 noch vorhandene Ungenauigkeit verschwunden ist.
Auf der linken Seite steht nichts anderes als die Ableitung von
A(x):
Die Ableitung (d.h. die Änderungsrate) der Flächenfunktion ist nichts anderes als die gegebene Funktion
f.
Mit anderen Worten: Ist f stetig,
so ist die Flächenfunktion A
eine Stammfunktion von f.
Damit sind wir mit einem Schlag in die Lage versetzt, die Inhalte von Flächen, die von Kurven begrenzt werden,
berechnen zu können - sofern wir es schaffen, die
dazu benötigten Stammfunktionen zu ermitteln:
Angenommen, wir kennen eine Stammfunktion F von
f.
Dann unterscheiden sich A und
F
gemäß unserer obigen Erkenntnis (2) höchstens durch eine Konstante,
so dass A(x) = F(x) + c.
Da A(a) = 0 ist, folgt
c = -F(a),
und die gesuchte Fläche A(b) ist daher gleich
A(b) = F(b) + c =
F(b) - F(a).
Für ihre Berechnung müssen wir lediglich irgendeine Stammfunktion von
f kennen und die Differenz ihrer Werte an
den Stellen b und a
bilden. Für diese Differenz hat sich die Schreibweise
bzw. die etwas genauere Form
| |
½ |
x = b |
|
| F(x) |
|
º F(b)
- F(a) |
| |
x = a |
|
|
(11' ) |
eingebürgert.
Mit Hilfe der Bezeichnungsweise (7) können wir unser Resultat über die Flächenberechnung
für stetiges f in der Form
| b |
|
½ |
b |
|
| ò |
f(x) dx
= F(x) |
|
º F(b)
- F(a) |
| a |
|
a |
|
|
(12) |
schreiben, wobei
F
irgendeine Stammfunktion von f ist.
Es ist so bedeutend, dass es den Namen Hauptsatz der Differential- und Integralrechnung
bekommen hat.
| | | |
Genauere
| |
| | |
Probieren
wir das gleich anhand eines Beispiels aus: Das unbestimmte Integral der Funktion
f(x) = 3x2
haben wir bereits oben in (4) hingeschrieben: Um irgend eine Stammfunktion zu erhalten,
können wir die Konstante c
ignorieren und wählen
F(x) = x3.
Die Fläche unter dem Graphen von f
(der, wie wir ja wissen, eine Parabel darstellt) zwischen den Stellen
0 und 1
ist daher
| 1 |
|
½ |
1 |
|
| ò |
3x2 dx
= x3 |
|
= 13 - 03 = 1. |
| 0 |
|
0 |
|
|
Wer hätte gedacht, dass es so einfach ist, die Fläche unter einer Parabel zu berechnen?
| | | |

Parabel
(in Vorbereitung)
| |
| | |
Einige Bemerkungen zum bestimmten Integral
- Wir
haben bisher, ohne es genau auszusprechen, nur an Funktionen gedacht, die positive Funktionswerte besitzen, d.h. deren Graphen
oberhalb der x-Achse liegen. Wir lassen nun diese Einschränkung fallen
und legen fest, dass das bestimmte Integral (7) den orientierten Flächeninhalt darstellt
(siehe dazu auch den nebenstehenden Button), d.h. dass Flächenstücke
unterhalb der x-Achse
(oberhalb des Graphen von f ) mit negativem
Vorzeichen beitragen! Wird ein bestimmtes Integral mit Hilfe des Hauptsatzes
(12) berechnet, so wird diese Regel automatisch berücksichtigt.
Beispiel:
Der Graph der Funktion f(x) = -3x2
ist eine Parabel unterhalb der x-Achse, und dementsprechend ist das Integral
| 1 |
|
½ |
1 |
|
| ò |
(-3x2) dx
= - x3 |
|
= - (13 - 03) = -1 |
| 0 |
|
0 |
|
|
negativ.
Ist das Integral einer Funktion über ein gegebenes Intervall gleich
0, so sind in diesem Intervall die Flächen oberhalb und
unterhalb der x-Achse gleich groß, so daß ihre
Inhalte einander wegheben.
| | | |
Flächeninhalt
| |
| | |
- Das bestimmte Integral als "orientierter Flächeninhalt" hat eine weitere Konsequenz:
Man möchte zunächst meinen, dass (7) nur dann einen Sinn macht, wenn die untere
Integrationsgrenze kleiner ist als die obere, d.h. wenn
a < b gilt.
Es hat sich jedoch als zweckmäßig herausgestellt, diese Einschränkung fallen zu lassen,
d.h. bestimmte Integrale mit beliebigen Grenzen zu erlauben, und die Rechenregel
| a |
|
b |
|
| ò |
f(x) dx
= -
|
ò |
f(x) dx
|
| b |
|
a |
|
|
(13) |
aufzustellen: Das Vertauschen der Grenzen ändert das Vorzeichen.
Wird ein bestimmtes Integral mit Hilfe des Hauptsatzes
(12) berechnet, so wird auch diese Regel automatisch berücksichtigt.
In diesem Fall tragen die Flächenstücke oberhalb der x-Achse
mit negativem Vorzeichen, jene unterhalb der x-Achse
mit positivem Vorzeichen bei.
- Das bestimmte Integral kann auch als kontinuierliche Verallgemeinerung des Mittelwerts
und der Summe interpretiert werden. Näheres dazu ruft der nebenstehende Button auf.
| | | |
Integral als
| |
| | |
- Bei der Herleitung des
Hauptsatzes (12) haben wir vorausgesetzt, dass f
stetig ist. Das bedeutet aber nicht, dass nur stetige Funktionen integriert werden können.
Soll das bestimmte Integral einer stückweise stetigen Funktion mit Hilfe von (12) berechnet werden,
so muss jedes Intervall, in dem sie stetig ist, für sich betrachtet werden. Danach wird die Summe dieser
Einzelintegrale addiert. (In der nebenstehende Skizze wären die Integrale
von a bis b
und von b bis c
getrennt zu berechnen und danach zu addieren).
- Wie wir weiter unten im Abschnitt über "uneigentliche Integrale" besprechen werden, können die Integrationsgrenzen unter gewissen Voraussetzungen
durch -¥ oder ¥
ersetzt werden, und an einer (endlichen) Integrationsgrenze darf f
eine (genügend milde) Unendlichkeitsstelle besitzen. Damit können die Inhalte von Flächen berechnet werden,
die "bis ins Unendliche" reichen.
| | | |

stückweise stetig
| |
| | |
- Zur Bedeutung der in (3) und (7) verwendeten Symbole
ò und dx:
Diese Schreibweise stammt von Gottfried Wilhelm von Leibniz. Er hat sich die Fläche unter einem
Funktionsgraphen als aus unendlich vielen, unendlich dünnen nebeneinander stehenden Rechtecken zusammengesetzt gedacht,
jedes ähnlich dem schmalen Streifen, den wir in (8) betrachtet haben. Wird in (8)
e = dx
gesetzt und als unendlich kleine ("infinitesimale") Größe, als "Differential", aufgefasst, so stellt sich der
Flächeninhalt als "Summe" von unendlich vielen unendlich kleinen Rechtecksflächen
f(x)
dx
dar. Das Integralzeichen, als langgestrecktes "S", steht für diese "Summe". Sie erstreckt sich
in gewisser Weise "über alle x",
beginnend bei a und endend bei b,
was oberhalb und unterhalb des Integralzeichens vermerkt wird. In dieser Interpretation ist die Größe
f(x) dx,
wie die Schreibweise nahelegt, tatsächlich
ein Produkt. Die "infinitesimale" Sichtweise ist heute überholt (die Schreibweise nur mehr symbolisch zu verstehen),
die ihr zugrunde liegende Vorstellung kann durch einen wohldefinierten Grenzübergang ersetzt werden,
aber sie ist nach wie vor hilfreich und regt die Anschauung an.
Auf die Möglichkeiten, den Integralbegriff exakter zu fassen, werden wir weiter unten noch
zu sprechen kommen.
Damit wissen Sie die wichtigsten Dinge, die nötig sind, um konkrete Flächeninhalte zu berechnen. Betrachten wir
zum Abschluss dieses Abschnitts zwei Beispiele, um die konkrete Vorgangsweise bei Flächenberechnungen zu illustrieren:
Beispiel 1: Man berechne die Fläche unter dem Graphen der Funktion
f(x) = x2 - 1
zwischen den Stellen 1 und 2.
Eine Stammfunktion der gegebenen Funktion ist, wie sich leicht herausfinden lässt,
F(x) = x3/3 - x.
Nachdem wir das nun wissen (das Auffinden einer Stammfunktion ist in der Regel der schwierigste Teil einer Integrationsaufgabe),
besteht die Lösung der Aufgabe aus zwei Schritten:
-
Um sicherzugehen, dass keine Weghebungen von Flächenstücken oberhalb und unterhalb der
x-Achse passieren können,
müssen wir uns erst vergewissern, dass die Funktion f
im angegebenen Intervall
[1, 2]
nicht negativ werden kann. Das geschieht durch die Berechnung der Nullstellen oder, wenn man sich eine kleine
Nachlässigkeit gönnt, durch die Betrachtung des Graphen, z.B. mit dem Funktions-Plotter
(am besten aber durch beides). Prüfen Sie das für unser Beispiel selbständig nach!
-
Der Rest der Rechnung läuft im Grunde genommen ganz mechanisch ab:
| 2 |
|
½ |
2 |
|
| ò |
(x2
- 1) dx
= (x3/3 -
x) |
|
= |
| 1 |
|
1 |
|
|
| |
|
= (23/3 -
2) - (13/3 -
1) = 4/3 . |
| |
|
Der gesuchte Flächeninhalt ist 4/3.
| | | |

infinitesimal
| |
| | |
Beispiel 2: Man berechne die Fläche unter dem Graphen der Funktion f(x) = 1/x
zwischen den Stellen 1 und s > 0.
Eine Stammfunktion von 1/x ist der
natürliche Logarithmus ln x.
Das ergibt sich ganz einfach aus
(ln x)' = 1/x.
Da
ln(1) = 0 ist,
lautet die Antwort
ln s.
Diese Erkenntnis wird manchmal dazu benutzt, die Argumentation umzukehren und den natürlichen Logarithmus über die Beziehung
zu definieren. (Beachten Sie, dass die Integrationsvariable hier mit einem anderen Buchstaben
als x, der oberen Grenze, bezeichnet wird).
Diese Definition hat den Vorteil, dass sie kurz ist und - sofern der Integralbegriff
als bekannt vorausgesetzt werden darf - keinerlei Vorbereitungen
über Potenzen mit nicht-ganzzahligen Exponenten und über die
Eulersche Zahl e bedarf.
Der Rest dieses Kapitels dient der näheren Besprechung der Vorgangsweise beim Integrieren,
der Zusammenstellung von Rechenregeln und der Vertiefung des bisher
Gesagten.
|
| | |

Ableitung des Logarithmus

frühere Definition des Logarithmus

die Eulersche Zahl e
| |
| | |
| | | |
Zum Seitenanfang | |
| | |
Beim Differenzieren haben wir eine Reihe einfacher Rechenregeln kennengelernt, die es erlaubt hat,
die Ableitung einer Kombination von Funktionen (wie Produkt, Quotient und Verkettung) auf
jene ihrer Bestandteile zurückzuführen. Beim Integrieren ist das leider nicht so.
In der Integralrechnung besteht keine Garantie, dass ein gestelltes Problem, auch wenn es
einfach aussieht, eine einfache Lösung hat. Daher können auch Computerwerkzeuge,
auf die wir weiter unten zu sprechen kommen, zwar oft, aber nicht
immer helfen.
Wir stellen nun einige Integrationsregeln und Methoden zusammen, die beim Auffinden der Stammfunktion und der Auswertung bestimmter
Integrale hilfreich sind und geben anschließend ein paar praktische Tipps.
1.) Zusammenhang zwischen bestimmtem und unbestimmtem Integral und Varianten des Hauptsatzes:
| | | |

Ableitungsregeln
| |
| | |
Ist f eine stetige Funktion, so ist
eine Stammfunktion (d.h. ein unbestimmtes Integral) von f, wobei die
Stelle a beliebig gewählt werden kann.
Das folgt unmittelbar daraus, dass F eine
Flächenfunktion darstellt (wir haben sie im vorigen Abschnitt
A genannt) und aus unserem obigen Ergebnis (10).
Beachten Sie die Schreibweise in (15): Man vermeidet es, die Integrationsvariable
mit dem gleichen Symbol zu bezeichnen wie eine Integrationsgrenze.
Das unbestimmte Integral lässt sich also als bestimmtes Integral (mit unbestimmter unterer Grenze)
darstellen. Die Aussage
F '(x) = f(x)
kann auch in der Form
d
dx |
|
x |
|
| |
ò |
f(x') dx' = f(x)
|
| |
a |
|
|
(16) |
geschrieben werden. In Worten lautet sie: Die Ableitung eines bestimmten Integrals nach der oberen Integrationsgrenze ergibt den
Integranden. Das ist eine Möglichkeit, die Idee des Integrierens als "Umkehrung des Differenzierens" durch eine Formel auszudrücken.
Eine andere ergibt sich, indem wir (12) in der Form
| b |
|
| ò |
F '(x) dx
= F(b) -
F(a) |
| a |
|
|
(17) |
| | | |
| |
| | |
schreiben, die für jede differenzierbare Funktion F gilt.
In Worten: Das bestimmte Integral über eine Ableitung ergibt die Differenz der Funktionswerte des Integranden an den Integrationsgrenzen.
Sowohl (16) als auch (17) können als Varianten des
Hauptsatzes (12) angesehen werden. Letzte Beziehung stellt in kompakter Form
dar, was wir tun müssen, um ein bestimmtes Integral zu berechen: Man finde eine Funktion,
deren Ableitung der Integrand ist, und bilde die Differenz ihrer Werte an den Integrationsgrenzen.
| | | |

differenzierbar
| |
| | |
Zum Verständnis des Integrals und zur Festigung der Intuition über diesen Begriff ist es lehrreich, sich
einige Zusammenhänge zwischen den Funktionen f
und F zu verdeutlichen.
So verschwindet etwa die Ableitung von F genau
an den Nullstellen von f. Wechselt
f an einer solchen Nullstelle das Vorzeichen,
so besitzt F dort ein lokales Extremum.
Das nebenstehende Applet erlaubt es Ihnen, mit der Maus eigene Funktionsverläufe von
f hervorzuzaubern, sich davon zu überzeugen,
wie sich gewisse Eigenschaften von f in
jenen von F widerspiegeln,
und mit diesen Zusammenhängen ein bisschen zu experimentieren.
2.) Integral eines Vielfachen:
| | | |
Applet Das Integral intuitiv verstehen
| |
| | |
Ist c eine Konstante und F
eine Stammfunktion von f, so ist
c F
eine Stammfunktion von
c f.
In Worten: Die Stammfunktion eines Vielfachen ist das Vielfache der Stammfunktion.
Beweis:
(c F(x))' =
c F '(x) =
c f(x).
Diese Regel überträgt sich auf bestimmte Integrale in der Form
| b |
|
b |
|
| ò |
c f(x) dx
= c |
ò |
f(x) dx, |
| a |
|
a |
|
|
(18) |
in der die Stetigkeit von f übrigens nicht vorausgesetzt werden muss.
Von der geometrischen Anschauung her ist sie leicht verständlich: Der Flächeninhalt unter
dem Graphen einer mit dem Faktor c
multiplizierten Funktion ist gleich dem c-fachen
des ursprünglichen Flächeninhalts. Für das praktische Rechnen bedeutet sie:
Eine Konstante darf aus einem Integral herausgezogen werden.
3.) Integral einer Summe:
| | | |
| |
| | |
Ist F eine Stammfunktion von f und
G eine Stammfunktion von g, so ist
F + G
eine Stammfunktion von f + g.
In Worten: Die Stammfunktion einer Summe ist die Summe der Stammfunktionen.
Beweis:
(F(x) + G(x))' =
F '(x) + G '(x) =
f(x) + g(x).
Diese Regel überträgt sich auf bestimmte Integrale in der Form
| b |
|
b |
|
b |
|
| ò |
( f(x)
+ g(x )) dx
= |
ò |
f(x) dx
+ |
ò |
g(x) dx, |
| a |
|
a |
|
a |
|
|
(19) |
in der die Stetigkeit von f und g nicht vorausgesetzt werden muss.
Von der geometrischen Anschauung her ist sie leicht verständlich: Der Flächeninhalt unter
dem Graphen einer Summe zweier Funktionen ist gleich der Summe der
Flächeninhalte unter den Graphen der Summanden. Für das praktische Rechnen bedeutet sie:
Eine Summe von bestimmten Integralen mit denselben Integrationsgrenzen kann zu einem Integral zusammengezogen werden.
Die beiden Regeln (18) und (19) zusammen drücken die Tatsache aus, dass
das Integrieren eine "lineare Operation" ist.
4.) Integration über angrenzende Intervalle:
| | | |
| |
| | |
Wird ein und dieselbe Funktion f über zwei angrenzende Intervalle integriert,
so ist die Summe dieser beiden Integrale gleich dem Integral über die Vereinigung der beiden
Intervalle:
| b |
|
c |
|
c |
|
| ò |
f(x) dx
+ |
ò |
f(x) dx
= |
ò |
f(x) dx . |
| a |
|
b |
|
a |
|
|
(20) |
Auch für diese Regel muss die Stetigkeit des Integranden nicht vorausgesetzt werden.
Von der geometrischen Anschauung her ist sie leicht verständlich: Der Inhalt einer
Fläche, die sich aus zwei Stücken zusammensetzt, ist gleich der Summe der einzelnen
Flächeninhalte. Sie gilt übrigens auch dann, wenn nicht unbedingt
a £ b £ c
ist. Wir erinnern in diesem Zusammenhang an die Rechenregel (13).
5.) Lineare Transformationen des Arguments:
| | | |
| |
| | |
Ist F(x) eine
Stammfunktion von f(x), so
- ist F(x + a) eine Stammfunktion von
f(x + a) und
- k-1F(kx) eine Stammfunktion von
f(kx).
Zum Beweis differenzieren Sie einfach die angegebenen Stammfunktionen!
Damit ergeben sich beispielsweise die unbestimmten Integrale von
sin(x + a)
und ekx
sofort aus jenen von
sin x
und ex zu
- cos(x + a)
und k-1ekx.
6.) Partielle Integration:
| | | |
| |
| | |
Ist F eine Stammfunktion von f und
g differenzierbar, so ist das unbestimmte Integral
des Produkts f g
durch
| ò |
f(x) g(x) dx
= F(x) g(x) - |
ò |
F(x) g'(x) dx |
|
(21) |
gegeben. Diese Formel erinnert ein bisschen an die Produktregel für die Ableitung, stammt auch von dieser ab, hat aber eine
kompliziertere Struktur. Der wichtigste Schritt besteht darin, von einem der beiden Faktoren
( f ) die Stammfunktion,
vom anderen (g) die Ableitung zu bilden,
um zum Integral auf der rechten Seite zu gelangen. Leider ist durch nichts
garantiert, dass dieses einfacher zu berechnen ist als das auf der linken.
Immerhin ist das manchmal der Fall, und so gehört die Methode der partiellen Integration
zum Standardrepertoire der Integralrechnung.
| | | |

Produktregel
| |
| | |
Als Beispiel berechnen wir das unbestimmte Integral des natürlichen Logarithmus. Dazu verwenden wir die
Tatsache, dass
(ln x)' = 1/x
ist und wenden einen genialen Trick an: Der Integrand
ln x wird in der Form
1 × ln x
geschrieben, und Formel (21) wird mit
f(x) = 1 und
g(x) = ln x
angewandt. Eine Stammfunktion von 1 ist
x, womit sich
F(x) = x und
g'(x) = 1/x ergibt.
Simples Einsetzen in (21) liefert
| ò |
ln x dx
= |
x ln x - |
ò |
dx
= x ln x - x, |
|
(22) |
wobei wir für
ò 1 dx
einfach
ò dx
geschrieben haben. Überprüfen Sie dieses Resultat durch Differenzieren
(d.h. checken Sie, dass die Ableitung von
x ln x - x
gleich
ln x
ist)!
Wenn Sie diese Methode für andere Integrale üben wollen, benutzen Sie sie, um
ò x |